Paris FC – der nächste Baustein im Red Bull-Netzwerk

Es ist August, die WM ist vorbei und unser VfB steckt mitten in den Vorbereitungen für die neue Saison. Zur sportlichen Erkenntnisgewinnung soll ein Testspiel gegen einen Gegner dienen, der aus dem großen Paris daherkommt. Nicht aber PSG, der zweifache CL-Sieger, sondern der Paris Football Club wird heute der Gegner des VfB sein. Ein Verein, von dem sicher der ein oder andere vorher auch noch nicht so viel mitbekommen haben dürfte. Da kann man sich die Frage stellen, was denn der PSG und der Paris FC noch gemeinsam haben, außer dass sie aus der französischen Hauptstadt kommen?
Richtig, sie sind in ihrer heutigen Form verabscheuungswürdige Konstrukte des modernen Fußballs. Während man um die Besitzverhältnisse um PSG nur allzu gut informiert ist, gestaltet sich dies beim Pariser FC ein wenig anders: Zum einen, da sich die aktuellen Besitzverhältnisse erst in den letzten Jahren und damit relativ neu gebildet haben, zum anderen weil dieser Club seit seiner Gründung sportlich eher weniger relevant gewesen ist und erst jetzt mit großen finanziellen Mitteln von milliardenschweren Investoren den französischen Fußball aufmischen will.
Gegründet wurde Paris FC im Jahr 1969 mit der Absicht, in der Hauptstadt wieder Spitzenfußball anzusiedeln. Nach einer Fusion mit dem heutigen PSG schaffte man es sogar für ein Jahr in die erste französische Liga, aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten und Streitigkeiten über den Vereinsnamen trennten sich die Vereine 1972 wieder. Zwar verblieb Paris FC in der ersten Liga, der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit kam jedoch bald darauf und einstellige Platzierungen in der Ligue 2 können zu den erfolgreicheren Zeiten in der Vergangenheit des Clubs gezählt werden.
Gar nicht dazu passen die letzten Jahre des Vereins. Im Juni 2020 stieg zunächst das Königreich Bahrain als strategischer Partner und Hauptsponsor ein und erwarb 20 % der Anteile des Clubs für läppische fünf Mio. Euro. Der Gesamtwert des Vereins belief sich also auf rund 25 Mio. Euro.
Trotz der Investitionen in den Club blieb das Interesse am Club auf einem niedrigen Level und so musste man Heimspieltickets zum Nulltarif verscherbeln, um den Zuschauerschnitt anheben zu können.
Im November 2024 sollte es zu einer weiteren Umstrukturierung der Besitzanteile des Clubs kommen. Der langjährige Präsident und Mehranteilseigner Ferracci plante seine Nachfolge und mit Bernard Arnault stieg einer der reichsten Menschen der Welt und der reichste Franzose in den Verein ein. Arnault steht an der Spitze der LVMH-Gruppe, die mehr als 70 Marken in den Bereichen Mode, Lederwaren, Wein, Spirituosen, Parfüm und Schmuck umfasst. Zudem ist er Eigentümer der Tageszeitungen „Le Parisien“ und „Les Echos“ und hat somit auch eine gewisse Macht in der öffentlichen Meinungsbildung. Sein Sohn Antoine führt seit der Übernahme das operative Geschäft bei Paris FC. Noch-Miteigentümer Ferracci erklärte damals, man wolle ohne zu überstürzen und die Identität und Werte des Vereins zu verlieren das Potenzial der Region nutzen.
Da die Familie Arnault über noch keine Erfahrungen im Sportmanagement verfügt, kam es gerade recht, dass auch der Feind des Fußballs, Red Bull, mit 11 % beim Paris FC einstieg. Nach dem Einstieg von RB gaben sich sowohl der damalige Global Director of Football Jürgen Klopp als auch der Technische Direktor Mario Gomez die Ehre, beim neuen Pariser Vorzeigeclub vorbeizuschauen. Klopp verglich die Trainingsbedingungen im Januar 2025 mit seiner Zeit in Mainz vor knapp zwanzig Jahren und prompt zog der Verein einen Monat später in ein neues Trainingsgelände um. So viel zur propagierten Bescheidenheit und dem Respekt vor der Identität und den Wurzeln des Vereins. Viel mehr wird dem Einstieg von RB die Erwartungshaltung deutlich, dass ein Verein etabliert werden kann, der in der Zukunft mit PSG konkurrieren könne.
Mit dem Aufstieg in die Ligue 1 zum Ende der Saison 24/25 war der erste Schritt hierzu getan. Nach dem Aufstieg stand dem Club bereits ein Budget von rund 130 Millionen Euro zur Verfügung, was Platz vier in der Ligue 1 bedeutete und gegenüber dem Vorjahreswert von 23 Millionen Euro eine Steigerung um mehr als das Fünffache bedeutet. Zur Verdeutlichung: 2020 betrug der Gesamtwert des Vereins noch 25 Millionen Euro. Ein kometenhafter Aufstieg, der jedoch weniger auf selbst erarbeitetem sportlichem Erfolg als auf finanzieller Unterstützung beruht. Die scheinheilige Zurückhaltung gab man dann auf dem Transfermarkt vollends auf und kaufte für über 45 Millionen Euro ein. Die Parallele zur Einkaufstour von RB Leipzig vor dessen erstem Bundesligajahr wird deutlich.
Vergleicht man diese Zahlen mit der aktuellen finanziellen Situation der Ligue 1 werden diese noch drastischer und die propagierte Bescheidenheit noch unglaubwürdiger. Denn die französische Liga verzockte sich bei den TV-Vertragsverhandlungen und erzielte nur die Hälfte der geplanten Einnahmen. 13 % dieser jährlichen Einnahmen hat man zusätzlich in der Coronazeit auf quasi unbestimmte Zeit verkauft. In der abgelaufenen Saison wuchs die finanzielle Not der Clubs weiter an, was auch am Fastabsturz des Traditionsclubs Olympique Lyon deutlich wurde. Lediglich 80,5 Millionen Euro wurden an die 18 Mannschaften ausgeschüttet, darunter einen nur einstelligen Millionenbetrag für den Paris FC.
Der Einstieg Red Bulls wirft die Frage auf, weshalb sich der Konzern ausgerechnet für eine Minderheitsbeteiligung entschieden hat und nicht den Weg eines weiteren „Leipzig 2.0“ inklusive Rebranding in der attraktiven Weltmetropole Paris geht. Tatsächlich wird hier die aktuelle Strategie von RB deutlich. Mit Paris FC ist Red Bull inzwischen in drei der fünf großen europäischen Ligen – Deutschland, Frankreich und England (weitere Minderheitsbeteiligung bei Leeds United) – sowie in Österreich vertreten. Weitere Komplettübernahmen wären dabei nicht nur deutlich aufwendiger, sondern würden aufgrund der UEFA-Regularien zunehmend zum Problem. Denn Vereine, die unter der Kontrolle desselben Investors stehen, dürfen nicht am selben europäischen Wettbewerb teilnehmen. Wie leicht sich solche Vorgaben allerdings umgehen lassen, zeigt das Beispiel Red Bull Salzburg: Offiziell zog sich der Konzern als Eigentümer zurück und tritt nur noch als Sponsor auf – dass sich an den tatsächlichen Machtverhältnissen dadurch kaum etwas geändert hat, dürfte jedem klar sein.
Statt vollständige Kontrolle anzustreben, setzt RB deshalb zunehmend auf Minderheitsbeteiligungen. So lassen sich Eigentümerkonflikte vermeiden und die laschen Regularien der UEFA umgehen, ohne auf die strategischen Vorteile eines internationalen Vereinsnetzwerks verzichten zu müssen. Paris FC wird damit Teil eines Multi-Club-Ownership-Modells, in dem Vereine nicht mehr als eigenständige Fußballclubs, sondern als Bestandteile eines Gesamtsystems fungieren. An Standorten mit hohem Talentvorkommen, zu denen die Region in und um Paris gezählt werden kann, werden diese Talente frühzeitig in das RB-Netzwerk geholt, an weiteren Standorten gezielt weiterentwickelt und innerhalb dieses Netzwerks, etwa in Richtung RB Leipzig, verschoben. RB Leipzig holte in den vergangenen zehn Jahren sechs Spieler von Paris Saint-Germain für rund 100 Mio. Euro. Mit Paris FC im Netzwerk könnte der Umweg PSG umgangen werden und dadurch Transferausgaben an Vereine außerhalb des eigenen Netzwerkes enorm verringert werden.
Für die Arnaults bedeutet die Partnerschaft Zugang zu Red Bulls Fußballkompetenz und dessen globalem Netzwerk. Red Bull erhält im Gegenzug einen strategischen Zugang zum außergewöhnlich talentreichen Großraum Paris, ohne selbst erhebliche finanzielle Mittel für eine Übernahme aufbringen zu müssen. Was auf den ersten Blick wie eine klassische Win-win-Situation erscheint, ist in Wahrheit Ausdruck eines Systems, das den sportlichen Wettbewerb strukturell verzerrt. Statt dass Vereine unabhängig voneinander um Talente, Know-how und Erfolg konkurrieren, bündeln wirtschaftlich verbundene Clubs ihre Ressourcen und verschaffen sich Vorteile, die eigenständig geführten Vereinen verschlossen bleiben. Multi-Club-Ownership verschiebt damit den Wettbewerb weg von unabhängigen Fußballvereinen hin zu wirtschaftlich verflochtenen Unternehmensstrukturen und untergräbt damit die Integrität des Sports.
MCOs sind längst keine Neuheit mehr und auch kein patentiertes Brauserezept. Über 100 Erstligaclubs in Europa unterhalten eine Kreuzbeteiligungsbeziehung mit einem oder mehreren anderen Clubs. Durch beispielsweise Nutzung von Daten aus dem Scouting oder technischer Tools, die zu wertvollen Assets von Vereinen zählen, werden Synergien geschaffen, wie sie nur in Multi-Club-Ownership-Konstrukten möglich sind. Was wie der feuchte Traum eines jeden Ökonomen klingt, ist jedoch Teil eines größeren Trends zur weiteren Kommerzialisierung des Sports und der Entfernung von seiner Basis.
Lange galt der Profifußball wegen hoher Fixkosten, volatiler sportlicher Erträge und starker Abhängigkeit von Einzelsaisons als schwer kalkulierbares Investment, was insbesondere die Coronazeit knallhart ans Licht brachte. In den vergangenen Jahren haben sich jedoch immer mehr institutionelle Investoren dem Markt zugewandt, was deren Einschätzung zeigt, dass mit dem Fußball langfristig Geld zu verdienen ist. Neben vollständigen Übernahmen dominieren zunehmend Minderheitsbeteiligungen und andere Kapitalmodelle, mit denen sich Einfluss sichern lässt, ohne formell die Kontrolle übernehmen zu müssen. Eine Diversifikation des Investments senkt dabei dessen Risiko. Ein Investor, welcher nicht zwingend sportlichen Erfolg, sondern Rendite erwartet, wird zur Risikostreuung in verschiedene Vereine investieren. Was in den Vorstandsetagen unter Schlagworten wie Synergien, Skaleneffekten und effizienter Kapitalallokation gefeiert wird, bedeutet für den Fußball vor allem eines: Vereine werden zu Bausteinen internationaler Wertschöpfungsketten. Die Identität der Clubs, sportliche Unabhängigkeit und ein fairer Wettbewerb geraten dabei immer stärker in den Hintergrund. Clubs, welche sich nicht in solche MCOs eingliedern wollen, geraten ins Hintertreffen. Die Integrität des gesamten Fußballs steht auf dem Spiel!
Deswegen kann die Forderung aus Sicht eines Fußballfans, dem sein Verein am Herzen liegt, nur eine sein: Multi-Club-Ownerships stoppen! Von Verbänden müssen härtere und konsequentere Regeln bei Verstößen her! Der Erfolg eines Vereins muss in seiner eigenen geleisteten Arbeit begründet sein und nicht in der Zusammenarbeit von beliebigen Vereinen und Konzernnetzwerken!
Ultras Schwabensturm 2002
